Stichwörter zum Verhältnis Kunst und Wissenschaft
in Otto Neuraths Arbeitsbibliothek

 

Im Herbst 1995 erhielt das Institut Wiener Kreis von der Wiener Kreis Stiching in Haarlem (Niederlande) eine bedeutsame Schenkung: die 1350 Titel umfassende Arbeiitsbibliothek von Otto Neurath. Unter diesen Büchern finden sich auch einige, die die Themen des Projektes "Wissenschaftliche Weltauffassung und Kunst" berühren. Die Arbeitsbibliothek von Otto Neurath bietet nicht nur den Vorteil, die Aufmerksamkeit auf Werke zu lenken, die zu den Ideen des Wiener Kreises hingeführt haben, sondern informieren auch über Otto Neuraths eigene Stellungnahmen, die er durch Unterstreichungen in den Texten seiner Bücher und gelegentlich sogar durch ausführlichere Randglossen zum Ausdruck gebracht hat. Dies ist insbesondere bei einem Werk von Eduard Kulke (1831-1897) der Fall, das erst nach dem Tod des Autors mit Vorworten von Ernst Mach und Friedrich Jodl erschienen ist:
Kulke, Eduard 1906 Kritik der Philosophie des Schönen. Mit Geleitbriefen von Ernst Mach und Friedrich Jodl. Hrsg. von Friedrich C. Krauss. Leipzig: Deutsche Verlagsactiengesellschaft

Eduard Kulkes Philosophie des Schönen

Dem Haupttext des Buches gehen voran:

  • Kulkes Widmung an seinen Freund Josef Popper-Lynkeus;
  • ein Einleitungsbrief von Ernst Mach;
  • ein Geleitbrief von Friedrich Jodl.

Neuraths Unterstreichungen, Hervorhebungen und Randglossen werfen Licht auf sein Denken über die Künste und ihr Verhältnis zu den Wissenschaften. Im folgenden sind einige Abschnitte aus dem Buch so wiedergegeben, daß die Stellungnahme von Otto Neurath zu erkennen ist. Dies geschieht mit typographischen Mitteln:

  • Textstellen, die Neurath unterstrichen hat, sind unterstrichen wiedergegeben;
  • Abschnitte, die Neurath durch Marginalien hervorgehoben hat, sind kursiv wiedergegeben;
  • Otto Neuraths eigene Randbemerkungen erscheinen im Fettdruck.

Aus der Widmung an Josef Popper-Lynkeus

Kulke geht von Kant aus. Er sagt:

... hat mir Kant mit dem Satz, daß das Schöne kein Objekt der Erkenntnis sei, für meine Empfindung die wissenschafliche Formel gegeben. (Seite VI)

Dazu macht Neurath die Randbemerkung: "das" Schöne. Dies könnte als Bedenken gegen einen allgemeinen Begriff des Schönen ("von oben") verstanden werden.

Aus der "Kritik der reinen Vernunft" habe ich die Kraft geschöpft, mich gegen die "Kritik der Urteilskraft" aufzulehnen. (Seite VI)
 
Andere Ästhetiker gehen von Prinzipien aus und suchen die ihnen sich darbietenden Tatsachen ihren Prinzipien anzupassen; ich bin von einer Tatsache ausgegangen und von dieser Tatsache zu den Prinzipien gelangt. Die Tatsache ist die Verschiedenheit des Geschmacks. (Seite VI)

An den Beginn seiner Erörterungen stellt Kulke sein positives Erlebnis von Richard Wagners "Tannhäuser" und seine Streitgespräche mit Wagner-Gegnern:

Zu beweisen, daß Wagners Musik schön sei, war ich nicht imstande; aber daß sie mir gefällt, das wußte ich. (Seite VIII)

Welcher Geschmack aber ist der richtige ? Das war die Frage, die mich beunruhigte. Wie war darüber hinwegzukommen ? Ich faßte den Vorsatz, mich mit philosophischen, ästhetischen und musikalischen Studien zu beschäftigen, und das Prinzip, zu welchem ich infolge dieser Studien gelangt bin, spricht sich aus in der Formel: Gleichberehtigung der Empfindungen. (Seite VIII)

Neurath scheint sich besonders für das Verhältnis von Kulke zu Josef Popper-Lynkeus interessiert zuhaben und für die Herkunft beider aus den Naturwissenschaften. In der einleitenden Widmung an Popper-Lynkeus finden sich Formulierungen, die Neuraths Anteilnahme erwecken. So heißt es u.a.:

Sie lieber Freund, mit dem mich eine mehr als vierzigjährige Freundschaft verbindet, habe ich gerade zu jener Zeit, von der hier die Rede war [nämlich der Zeit der Wagner-Begeisterung] kennen gelernt. Wir waren damals Kollegen in der höheren Mathematik und Physik. Nicht die Kunst, die Wissenschaft hat uns zusammengeführt. Lassen Sie mich es hier aussprechen, daß ich das Ereignis, Ihnen auf meinem Lebenswege begegnet zu sein, allezeit zu den schönsten Geistesfreuden meines Erdendaseins gezählt habe und noch zähle. Sie auch haben sich, von mathematischen Studien ausgehend, mannigfachen anderen, vorzugsweise sozialpolitischen, insbesondere aber auch philosophischen und ästhetischen Studien zugewendet. Zu meiner großen Freude befinde ich mich auf diesen Gebieten mit Ihnen in voller Übereinstimmung. Ihnen, der Sie auf ganz anderem Wege, wie Sie mir einmal sagten, zu ähnlichen Resultaten gelangt sind, wie diejenigen, welche hier geboten werden, Ihnen seien die folgenden Untersuchungen in treuer Freundschaft gewidmet. (Seite VIII f.)

 


Aus dem Einleitungsbrief von Ernst Mach

Ernst Mach hat den Absolventen der Technischen Hochschule Eduard Kulke schon 1863 in Wien kennengelernt, hat ihn zur Veröffentlichung einer kleinen Schrift "Über die Umbildung der Melodie" (1884) ermutigt und Kulkes weiteren Lebensweg als Erzähler, Journalist und Musikkritiker aufmerksam verfolgt. Der Einleitungsbrief entstand jedoch erst lange nach dem Tod Kulkes. Er trägt das Datum: Wien, am 4. April 1906. Über den Sohn von Samson Kulke, der als jüdischer Rabbiner in Kostel (Mähren) wirkte, schrieb Ernst Mach:

In einigen in Kulkes Nachlaß vorgefundenen Blättern, einem Fragment einer kurzen Selbstbiographie, erzählt er von dem Leben im jüdischen Hause, von den Versammlungen und Disputationen weither zugereister Talmudisten, und anderseits von den Stimmungen, welche das umgebende fremde Leben, die christliche Kirche und das Bild des Gekreuzigten in ihm erregte. (Seite X)
 
Kulke war ein fleißiger, rastloser Arbeiter. Außer 2000 musikalischen und musikkritischen Feuilletons, die sein Beruf von ihm forderte, verfasste er an 300 Erzählungen, welche er bald mit seinem vollen Namen zeichnete, bald unter dem Pseudonym Lipiner oder Leipenburg veröffentlichte. (Seite XI)
 
Einen wohltuenden Eindruck wird der Leser durch die philosophisch geklärte, ausgereifte "Entwicklungsgeschichte der Meinungen" empfangen. (Seite XIII)

Zum Anbringen von Rufzeichen, die offenbar als Beifall zu verstehen sind, sieht sich Neurath durch die Ausführungen Machs über das Verhältnis von Kulke zum Antisemitismus veranlasst:

Eine seinerzeit um den Preis der Taufe angebotene Lehrstelle lehnte er ab; er hätte ein anderes Verhalten fast als Verrat empfunden. (Seite XIII)
 
Die herausfordernden Äußerungen roher Antisemiten wußte er in gebührender Art zurückzuweisen, wenn die Gelegenheit ihm die Pflicht auferlegte, - ein nachahmenswertes Beispiel für manche wohlsituierte Herren, welche in vornehmer Nichtachtung über alles hinwegsehen, wovon sie persönlich unberührt bleiben. (Seite XIII)

 


Aus dem Brief von Friedrich Jodl

Dieses Schreiben ist datiert: Prag, den 6. März 1895, entstand also lange vor Erscheinen der Schrift. Jodl lobt die Argumentation Kulkes:

Diese Untersuchung ist mit großer Gründlichkeit und fast peinlicher Genauigkeit geführt, enthält den Inbegriff der gesamten Argumentation zu Gunsten des Begriffs eines "Objektiv-Schönen" und dessen kritische Widerlegung ... (Seite XIV f.)

Jodl will jedoch die Türe offen lassen für die mögliche spätere Entdeckung eines ästhetischen Norm-Begriffes. Neurath betont seine Übereinstimmung mit dieser These durch die Unterstreichung einiger Schlüsselwörter:

Bin ich auch überzeugt, daß die Skepsis des Verfassers nicht das letzte Wort der Philosophie des Schönen bilden und daß es gelingen wird, den Norm-Begriff in der Ästhetik auf ähnliche Weise mittels historischer und psychologischer Beobachtungen umzubilden, wie dies in der Ethik bereits geschehen ist, so dürfte vielleicht die Darstellung des Verfassers eine jener scharfgedachten, glänzenden Pfadweisungen sein.... (Seite XV)

Zu den Ausführungen von Kulke

Kulke wendet sich dagegen, die Idee des Schönen unter der "Flagge des Göttlichen oder des Naturgeheimnisses" (S. 192) einzuschmuggeln. Wer unser Nichtwissen als Geheimnis bezeichne, müsse sich die Frage gefallen lassen, wessen Geheimnis dies sei. (Seite 193). Die daran anschließenden Sätze markiert Neurath (offenbar zustimmend):

Diese Frage richten wir billigerweise auch an alle diejenigen, welche das Schöne als Geheimnis bezeichnen. Wer sind die Hüter dieses Geheimnisses ? Wo sind sie zu finden ?
 
Solche Ausdrücke sind Überbleibsel aus uralter Zeit, vermoderte Reste ehemals für heilig gehaltener Institutionen, die für uns mit dem Aufleben der Naturwissenschaften alle Bedeutung verloren haben. (Seite 193)

Kulke wendet sich gegen Arnold Ruges Begeisterung für Platos Idee vom "Geheimnis des Schönen" und findet die Zustimmung von Neurath durch Unterstreichung und Rufzeichen am Rande, wenn er sagt:

Es ist von Übel, es ist eine Beleidigung für den Verstand, zu gestatten, daß jemand, der eine dogmatische Behauptung aufstellt, sich auf eine verborgene, nicht kontrollierbare Qualität berufe, die er sich selbst vindiziert, dem andern aber, sobald dieser die Zustimmung verweigert, kurzweg abspricht. Bequem ist diese Methode allerdings und kein Wunder, daß von ihr so häufig Gebrauch gemacht wird. Schon Platon bediente sich ihrer mit Vorliebe und gab hiermit das Beispiel für seine Nachfolger.... (Seite 194)
 
... eine Verschiedenheit der menschlichen Erkenntniskräfte [aber], die nicht in dem Grade der Begabung liegt, sondern in irgendeinem unbekannten metaphysischen Etwas begründet wäre, wodurch der eine dem andern gegenüber zu einem Wesen höherer Art gestempelt würde, eine Verschiedenheit solcher Art, durch welche der eine auf Grund einer intellektuellen Anschauung unmittelbar erschaut, was dem andern zeitlebens verschlossen bleibt, darf nicht zugegeben werden, wenn wir uns nicht jedem Wahngebilde einer exaltierten Phantasie blindlings überliefern wollen. Man wird deshalb den erhabenen Mythus (im Anfange des siebenten Buches "Der Staat") [von den Höhlenbewohnern, die nur die Schatten der vorbeihuschenden Gestalten sehen und nicht diese selbst] nicht weniger bewundern. (Seite 195)

Neuraths Randkommentar: zwei fette Striche und !

Kulke verlangt von jedem, der angesichts des Schönen die Augen verdrehe, daß er uns das Schöne auch zeige. Wenn er dies nicht könne, werden wir es für wahrscheinlicher halten, daß er Halluzinationen sehe und nichts Wirkliches:

Es gehört freilich einige Resignation dazu, dies offen zu gestehen: man gefällt sich eben sehr gut in der simulierten Rolle des metaphysisch-ästhetischen Großsiegelbewahrers; derjenige aber, dem es um die sachliche Erörterung eines Problems zu tun ist, muß die Kraft zu solcher Resignation zu gewinnen suchen. (Seite 196)
 
Kann man sich auf das nachträgliche Urteil (späterer Generationen) verlassen ?
Beethovens letzte Quartette wurden geradezu als Produkte des Wahnsinns erklärt. Shakespeare war ziemlich lange völlig in Vergessenheit geraten und mußte erst durch die Schauspieler wieder ausgegraben werden und gegen Goethe und Schiller wurden in Deutschland zur Zeit der "Horen" die heftigsten Angriffe gerichtet. Heutzutage ist man über alle diese Größen so ziemlich einig. Was soll aber mit der nachträglichen Einstimmigkeit erwiesen werden ? [ ... ] ... können wir das Urteil der Zukunft antizipieren ? Wir kommen bei einem solchen Versuch erst recht aus dem Regen in die Traufe. (Seite 311)

Kulke meint, daß hinter der Berufung auf die gesellschaftliche Übereinstimmung eigentlich das Prinzip der Majorität stünde:

Wenn man es recht besieht, so steckt hinter der Berufung auf die allgemeine Übereinstimmung, deren Vorhandensein ja tatsächlich gar nicht kontrolliert werden kann, nichts anderes, als das Prinzip der Majorität, oder - um das Kind beim rechten Namen zu nennen, die Vergewaltigung. Das Urteil über das Schöne wird zu einer Machtfrage; der einzelne soll verschwinden gegenüber der Masse. (Seite 317)

Diesen Abschnitt kommentiert Neurath in englischer Sprache. An die Spitze seines Kommentars stellt Neurath sozusagen als Titel das Wort: Intolerance.

Dann folgt zum Prinzip der "Machtfrage" der folgende Passus:

Power sometimes with the majority - what about compromise as far as notions are concerned ?
 
(Macht ist manchmal bei der Majorität - wie steht es mit dem Kompromiss in Bezug auf Begriffe ?)

Damit wirft Neurath eine soziologische Frage auf, die Kulke zwar im folgenden ausdrücklich erwähnt, ohne ihr jedoch nachzugehen. Kulke fragt, wie die Dinge eigentlich stünden, wenn das Problem der Schönheit mit einer anderen (praktischen) Frage verbunden wird,

... wie z.B. ob das Gemälde des Malers N. auf der Kunstaussstellung einen Platz erhalten, ob der Roman des Schriftstellers N. in Verlag genommen werde, ob die Symphonie des Komponisten N. zur Auführung gebracht werden soll usw. - in allen solchen Fällen steht der Maler, der Dichter, der Musiker usw. dem Willen des andern, sei dieser nun ein Komitee, ein Verleger, eine Konzert-gesellschaft, ein Theaterdirektor, ein Kapellmeister usw. machtlos gegenüber, er wird majorisiert. (Seite 317 f.)

Neurath lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was er Kompromiss nennt und hat damit offenbar den sozialen Kompromiss im Sinne. Er scheint jedoch auch anzudeuten, daß er dem Schönheitsurteil eine soziale Komponente zumisst. Kulke sagt an einer Stelle, es sei ein Mißverständnis zu glauben, daß mit dem Urteil über die Schönheit eines Objektes etwas über dieses Objekt selbst ausgesagt würde, während es sich doch nur um eine Aussage handle über den Zustand, in welchen das Objekt den Rezipienten versetze. (Seite 324) Dazu macht Neurath einen ganz kurzen, aber grundsätzlich wichtigen Einwand: In der englischen Randglosse heißt es: not so different.

Die Aussage über die Beschaffenheit des Objektes der Kunstbetrachtung ist für Neurath methodisch keineswegs so verschieden ("not so different") von der Aussage über den Zustand, in den das Kunstwerk den Rezipienten versetzt. Beide Feststellungen könnten, wenn wir Neuraths Terminologie verwenden, in Protokollsätzen getroffen werden. Während Kulke das Verstandesurteil vom ästhetischen Urteil streng zu unterscheiden wünscht, meint Neurath offenbar, daß die beiden nicht ganz so verschieden seien, wie Kulke denkt. Neurath spricht in seinen Glossen darüber leider nichts aus. Nur dort, wo Kulke von der Veränderung eines Musikurteils durch den Umgang mit dem Gegenstand es Urteils redet (Seite 327), merkt Neurath noch an : see arguments !

Neurath verweist also auf die vorgebrachten Argumente Kulkes und verrät zumeist nichts von seinen Einwänden. An einer einzigen Stelle ist dies doch der Fall. Er stimmt Kulke zwar zu, wenn er die These, der bessere Geschmack entscheide über das, was schön und das was häßlich sei, als den "lächerlichsten Zirkel" bezeichnet, in den man je nur hineingeraten kann. (Seite 331) Wenn aber Kulke erklärt, daß die Übernahme des fremden Schönheitsurteils unwahrscheinlich sei und die Frage stellt: " ... werde ich denn jemals dem Gefühl eines andern mehr trauen, als meinem eigenen ?", dann kommentiert dies Neurath mit einem Fragezeichen: ?

Neuraths Fragezeichen verweist auf eine Schwachstelle in Kulkes Argumentation, die von der sozialen Wirkung von Kunsturteilen absieht. In dieser Denkweise behauptet sich immer noch ein Element der Kant'schen Lehre von der "Interesselosigkeit" des ästhetischen Urteils. Dieser Auffassung hat Ernst Gombrich die These vom "Zusammenhang zwischen ästhetischer und sozialer Billigung" entgegengehalten. Gombrich hat die historischen Veränderungen des Kunstgeschmacks in einer Schrift untersucht, die in ihrem Untertitel sehr deutliche Verwandtschaft mit Kulkes Unternehmen zeigt: "Die Wandlungen von Mode, Geschmack und Stil im Lichte der Logik".(1) Gombrich findet für den Konnex von ästhetischer und sozialer Übereinstimmung ein sehr plastisches Bild. Im Gegensatz zu Kants Formulierung von der Interesselosigkeit des ästhetischen Urteils, meint Gombrich, daß der Satz "Mir gefällt's" in gewissen Situationen dem Interesse an einer sozialen Zugehörigkeit Ausdruck verleihen will und eigentlich besagt:

"Ich glaube, das ist etwas, was in dem Kreis, dem ich angehöre (oder angehören will), gebilligt wird. Da ich diesen Kreis gern habe, habe ich auch das Werk gern."(2)

Man muß eingestehen, daß diese Deutung eines Fragezeichens, das Neurath in Kulkes Schrift anbringt, nur den Charakter einer Vermutung hat, die freilich naheliegt, wenn man die Kundgebungen des Soziologen Neurath kennt. Ohne Widerspruch von Seiten Neuraths bleibt jedoch eine These Kulkes, die sich zur Toleranz in Kunstdingen bekennt. Kulke kommt zuletzt zur Ablehung des Majoritätsprinzig in Sachen den Kunstgeschmacks und zur "Gleichberechtigung der Empfindungen". Das ästhetische Urteil könne weder demonstrieren noch wiederlegt werden. (Seite 343) Die Frage, warum und wie sich ästhetische Urteile wandeln und wie es zu sozialem Gesamtkonsens oder Gruppenkonsens auf diesem Gebiet kommen kann, behandelt Kulke nicht. Sie hat der Tradition nach in der philosophischen Ästhetik keinen Platz und findet erst in der empirischen Kunstforschung ihre Behandlung. Neuraths Kommentare zeigen insgesamt Beifall für einen Philosophen, der mit den Methoden der Naturwissenschaften an diese Probleme herangehen will. Seine Anmerkungen scheinen aber auch anzudeuten, daß Neurath den Übergang von philosophischer Ästhetik zu empirischer Kunstforschung verfolgt und empfiehlt. Zumindest ein gewichtiges Fragezeichen und der erwähnte ausdrückliche Hinweis auf den Kompromiss in Dingen des Geschmacks scheint dies zu bestätigen.

Fußnoten
1. Ernst Gombrich: Vom "Jahrmarkt der Eitelkeiten" [1974]. In: Ders.: Die Krise der Kulturgeschichte. Gedanken zum Wertproblem in den Geisteswissen-schaften. München: dtv/Klett-Cotta, 1991
2. Ebda. S. 133