Die Themen 1999-2004:


FORTSCHRITT IN DEN KÜNSTEN UND DER KUNSTFORSCHUNG. DIE INTERNATIONALE AKTUALITÄT UND DIE VERBORGENE ÖSTERREICHISCHE VORGESCHICHTE DES WIENER KREISES



 
  Die bisher im Rahmen des Projektes geleisteten Arbeiten lassen zwei Themenkomplexe erkennen, die trotz ihrer unübersehbaren Bedeutung für die österreichische Geistesgeschichte bisher noch nicht systematisch behandelt worden sind und die sich deswegen für die kommende Phase des Projektes geradezu aufdrängen:

  • 1) Die internationale Zuwendung zu empiristisch orientierter Kunstforschung und die daraus sich ergebende Revitalisierung der österreichischen "Schulen" der Kunst-, Literatur- und Musikwissenschaft. Ein markantes Beispiel hiefür ist der jüngst unternommene Versuch, eine formale Ästhetik zu entwickeln. Diese nimmt ihren Ausgang von der Philosophie Robert Zimmermanns (1824-1898), dessen Logik nicht nur in der Kunstwissenschaft von dessen Schüler Alois Riegl (1858-1905) agnosziert wird, sondern auch in der Zeichentheorie des Amerikaners Charles William Morris (1901-1979), der schon seit 1934 zusammen mit Otto Neurath, Rudolf Carnap, Philipp Frank u.a. an der vom Wiener Kreis initiierten Bewegung für Einheit der Wissenschaft beteiligt war.

  • 2) Die in eben diesem Zusammenhang notwendig werdende Gesamtdarstellung der österreichischen Vorgeschichte des Logischen Empirismus, insbesondere im Hinblick auf die Kunstwissenschaften: von Bernard Bolzano über Robert Zimmermann bis zu Alfred von Berger, Emil Reich u.a.
Das auffallend wachsende Interesse an der Ästhetik von Robert Zimmermann lenkt die Aufmerksamkeit auf ein Forschungsmanko. Von der hundertsten Wiederkehr des Todestages von Zimmermann (1998) hat die wissenschaftliche Publizistik, soweit man sehen kann, nicht Notiz genommen. Weder von der frühen "Exil-Lyrik" Zimmermanns noch von seinen Gedichten aus dem Revolutionsjahr 1848 ist die Rede gewesen. Der ungemein fruchtbare Literaturkritiker blieb ebenso unerwähnt wie der Gesprächspartner Grillparzers, der schließlich als Vorstand der von ihm mitbegründeten Grillparzer-Gesellschaft wirkte. Zimmermanns rund 30 Jahresberichte über Neuerscheinungen, die er englisch publizierte, sind bis heute weder ins Deutsche übersetzt noch bibliographisch erfasst. Die ungemein zahlreichen Schriften, die Zimmermann den bildenden Künsten, den Kunstorganisationen und der Kunstförderung gewidmet hat, scheinen nahezu vergessen. Und die Ästhetik Zimmermanns gelangte zwar vor einem Vierteljahrhundert zu einem deutschen Nachdruck in New York und wurde bei ausländischen Kongressen erörtert, doch findet sie in Österreich noch kaum ähnliche Anteilnahme. Diese Überlegungen erklären die Gestaltung des Programms für die vierte Phase des Projektes und die Wahl der beiden Schwerpunkt-Themen.

Schwerpunkt 1:
Der Begriff des Fortschritts in der Kunstforschung

Das Wort "Fortschritt" wird häufig und in unterschiedlichen Kontexten verwendet. Im Dialog der Disziplinen fällt es leichter als im Fachmonolog, die zuweilen bedenkenlos unkritische Verwendung unklarer Termini hintanzuhalten und ein wenig Sprachhygiene zu treiben. Damit könnte man zur Antwort auf die Frage gelangen, welcher Sinngehalt diesem Begriff in der Kommunikationswissenschaft, in der Soziologie oder in der Kunstwissenschaft zuzuweisen wäre und ob dieser sich mit dem Verständnis jener Forscher deckt, die sich der Abschätzung des Technologiefolgen widmen oder dem Verständnis einer Kulturpolitikwissenschaft (soferne es diese überhaupt schon gibt). Wenn man zur Annahme neigt, daß Wege zu einer ausgearbeiteten Theorie des Fortschritts in den Künsten "prinzipiell möglich sind" (Knepler 1977, 531), dann muss man wohl fragen, unter welchen Aspekten von Fortschritt die Rede sein könnte.


  Seitenbeginn

  Der Begriff des Fortschritts ließe sich anwenden auf:
  • a) die künstlerisch-kulturelle Entwicklung;
  • b) die Entwicklung und Nutzung der technischen Mittel, die für das künstlerische Schaffen und dessen Verbreitung eingesetzt werden;
  • c) die Verwirklichung der demokratie-politischen Forderung, möglichst vielen Menschen die Teilnahme an der Kultur und den Zugang zur Kultur zu ermöglichen;
  • d) den Fortschritt der Kunstforschung selbst.
Jede dieser Fragen verdient gesonderte Behandlung.

Schwerpunkt 2:
Von der Ästhetik zur "Zweigwissenschaft".
Robert Zimmermann als Vorläufer des Wiener Kreises

Beim Versuch, das Verhältnis des Wiener Kreises zu den Künsten zu bestimmen und die Vorläufer der von Moritz Schlick, Rudolf Carnap, Hans Hahn und Otto Neurath angeführten Denkschule namhaft zu machen, wird man mehr als einmal dem Namen eines Mannes begegnen, der seine wissenschaftliche Tätigkeit als Astronom an der Wiener Sternwarte begonnen und danach als Philosoph an den Universitäten Olmütz, Prag und Wien fortgesetzt hat: Robert Zimmermann (1824-1898). Seine zweibändige Ästhetik und seine Vorlesungen zu diesem Thema haben auf das Kunstdenken in Österreich nachhaltigen Einfluss ausgeübt, von dem, soweit man sehen kann, nur gelegentlich die Rede ist. Das ist wohl ein Mangel, wenn man bedenkt, daß Eduard Hanslick den Text seiner Schrift Vom Musikalisch-Schönen unter dem Einfluss seines Freundes Zimmermann geändert hat und daß Zimmermanns Denkweise auch in die Wiener Schule der Kunstgeschichte eingegangen ist. Der Kunstwissenschaftler Alois Riegl, der Zimmermanns Vorlesungen über Psychologie und Geschichte der Philosophie gehört hat (Olin 1984: 34, Anm. 13), übernahm von Zimmermann, wenn auch nicht ausschließlich von ihm, jene antimetaphysische Haltung, die später für den Wiener Kreis bestimmend werden sollte.

Zimmermann selbst stand in seinem Kunstdenken zu Beginn noch ganz unter dem Einfluss seines väterlichen Freundes und Lehrers Bernard Bolzano. In einem Vortrag, den er nach Bolzanos Tod in der Akademie der Wissenschaften in Wien halten durfte, pries er den Grad streng wissenschaftlicher Behandlung und Zergliederung der Begriffe, den Bolzano in seiner Kunstlehre erreicht hatte und der "bisher noch unbekannt, ja nicht selten geradezu verpönt war".(Zimmermann 1849:171) Bald danach formulierte der an der Prager Universität wirkende Zimmermann einige Grundsätze seiner eigenen Kunstauffassung, die sich gegen die Spekulationen der idealistischen Philosophie und vor allem gegen den Hegelschen Apriorismus wandte, der nicht nur Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch die Zukunft begreifen wollte. Zimmermann (1854:38) charakterisierte diese Denkart mit den boshaften Worten: "Der Philosoph sieht dem Schicksal in die Karten und spielt sie aus."